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Geschichte — Modul 7

Romanische Theologen

Die grossen protestantischen Theologen der frankophonen Schweiz — von Calvin bis Gisel.

Johannes Calvin (1509–1564) ist die zentrale Figur der reformierten Theologie und eine der einflussreichsten intellektuellen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts. In Genf schuf er nicht nur eine theologische Summe, sondern eine gelebte Kirchenordnung, die Genf in die «protestantische Rom» verwandelte.

Johannes Calvin (1509–1564) — Der Genfer Reformator

Biographie und intellektuelle Entwicklung

Geboren in Noyon (Picardie) als Sohn eines Bischofssekretärs, zunächst für das Priesteramt bestimmt, dann Rechtsstudium in Orléans und Bourges (1528-31). Humanistische Bildung in Paris: klassische Sprachen, Erasmus, Faber Stapulensis. Bekehrung zwischen 1532 und 1534 — Calvin beschreibt eine «plötzliche Bekehrung» (subita conversio). 1534: Flucht nach Basel wegen der Religionsverfolgung in Frankreich. 1536: erste Ausgabe der Institutio Christianae Religionis in Basel (lateinisch, 6 Kapitel). Auf der Durchreise nach Straßburg hält Guillaume Farel ihn in Genf zurück.

DatumEreignisBedeutung
15361. Aufenthalt in Genf + 1. InstitutioErster reformatorischer Versuch; Kirchenordnung
1538-41Exil in StraßburgEinfluss Bucers; Heirat mit Idelette de Bure; Römerbrief-Kommentar (1540)
1541Rückkehr nach GenfKirchenordnungen (Ordonnances ecclésiastiques); Konsistorium
1559Gründung der Akademie; Endausgabe der Institutio1300-seitige theologische Summe; Ausbildung von Pastoren für ganz Europa
1564Tod in GenfAuf ausdrücklichem Wunsch: anonymes Grab; Soli Deo Gloria

Die Institutio Christianae Religionis (1536–1559)

Die Institutio ist das Hauptwerk der reformierten Theologie. Ihre Struktur folgt dem apostolischen Credo (4 Bücher): (I) Gotteserkenntnis als Schöpfer; (II) Gotteserkenntnis als Erlöser in Christus; (III) Der Weg zum Empfang der Gnade Christi (Glaube, Rechtfertigung, Heiligung, Prädestination); (IV) Die äußeren Mittel der Gnade (Kirche, Sakramente, zivile Regierung). Die Endausgabe 1559 hat 80 Kapitel — ein theologisches Meisterwerk.

«Fast die ganze Summe unserer Weisheit, die man für wahre und sichere Weisheit halten kann, besteht in zwei Stücken: in der Erkenntnis Gottes und in der Erkenntnis unserer selbst. Diese sind aber vielfältig miteinander verknüpft, daß es nicht leicht ist zu sagen, welches von beiden zuerst geht und das andere erzeugt.»
Calvin, Institutio I.1.1 (1559) — Eröffnungssatz

Genf unter Calvin — Cité de Dieu?

Calvins Genf war kein Gottesstaat im theokratischen Sinne — Calvin unterschied klar zwischen weltlicher und geistlicher Regierung. Aber es war ein Experiment der Koordination: Konsistorium (Kirchenzucht durch Pastoren und Laienälteste), Akademie (1559 — die älteste protestantisch-theologische Fakultät der Welt, Vorgängerin der Universität Genf), Ausbildung und Entsendung von Pastoren nach Frankreich, England, Schottland, Niederlande und Ungarn. «Le Rome du protestantisme» (P. Imbart de la Tour).

Karl Barth (1886–1968) ist ohne Zweifel der bedeutendste protestantische Theologe des 20. Jahrhunderts. Sein Werk hat die evangelische Theologie grundlegend transformiert — durch eine radikale Konzentration auf Gottes Offenbarung in Jesus Christus gegen jede natürliche Theologie.

Karl Barth (1886–1968) — Der Basler Theologe

Biographie und Wendepunkt

Geboren in Basel, aufgewachsen in Bern (Vater Fritz Barth war Theologieprofessor). Studium bei den grossen liberalen Theologen: Harnack (Berlin), Herrmann (Marburg). Pfarrer in Genf (1909) und Safenwil (1911-21, Aargau). Der Wendepunkt: August 1914 — 93 deutsche Intellektuelle, darunter seine liberalen theologischen Lehrer, unterzeichnen eine Proklamation zugunsten Wilhelms II. Kriegspolitik. Für Barth bricht die liberale Theologie, die Gott zu sehr mit menschlicher Kultur identifiziert hat, zusammen.

Der Römerbrief (1919, rev. 1922)

Barths Kommentar zum Römerbrief, besonders die Zweitauflage (1922), wird als «Bombe, die auf den Spielplatz der Theologen fiel» beschrieben. Die Hauptthese: Gott ist der ganz Andere — radikal unterschieden von allem Menschlichen. Keine Kontinuität zwischen Gott und der Welt, zwischen Gott und Religion, zwischen Gott und Kultur. Das Evangelium ist keine religiöse Erfahrung, sondern Gottes Krise über die Menschheit.

«Wenn ich ein System habe, so besteht es darin, das, was Kierkegaard den 'unendlichen qualitativen Unterschied' von Zeit und Ewigkeit nannte, so konsequent wie möglich im Auge zu behalten.»
Barth, Der Römerbrief, Vorwort zur 2. Aufl. (1922)

Die Kirchliche Dogmatik (1932–1967)

Barths Hauptwerk: 13 Bände (ca. 9000 Seiten), unvollendet geblieben (geplant waren 5 Teile; der V. Erlösungslehre blieb Fragment). Veröffentlicht im Theologischen Verlag Zürich (TVZ). Zentralthese: Das einzige Wort Gottes ist Jesus Christus (Solus Christus als methodisches Grundprinzip). Natürliche Theologie («Gott aus der Schöpfung erkennen») wird radikal abgelehnt. Die Erwählung ist in Christus zentriert: Gott hat in Christus Ja zur Menschheit gesagt.

Die Barmer Erklärung (1934)

Als der Nationalsozialismus die Deutsche Evangelische Kirche zu übernehmen drohte («Deutsche Christen» — Gleichschaltung mit der Nazi-Ideologie), organisierte Barth den theologischen Widerstand. Die Theologische Erklärung von Barmen (1934), im Wesentlichen von Barth verfasst, wurde von der Bekennenden Kirche angenommen. These 1: «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.» Gegen die Gleichsetzung von Gott und Volk, von Offenbarung und Geschichte.

Hauptwerke Barths

  • Barth, Karl. Der Römerbrief. 2. Aufl. München: Kaiser, 1922. (TVZ-Nachdr.)
  • Barth, Karl. Kirchliche Dogmatik. 13 Bde. Zollikon/Zürich: Evangelischer Verlag, 1932–1967. TVZ-Nachdr.
  • Barth, Karl und Eduard Thurneysen. Briefwechsel 1913-1921. 2 Bde. GA V/3-4. Zürich: TVZ, 1973–1974.

Neben Calvin und Barth haben weitere romanische Theologen bedeutende Beiträge zur akademischen Theologie geleistet. Oscar Cullmann, Genfer und Basler Professor, verband wie kaum jemand protestantische Exegese und katholischen Dialog.

Oscar Cullmann (1902–1999) — Exeget und Ökumeniker

Geboren in Straßburg, Professor an der Universität Basel (1938-72) und an der Sorbonne, Paris (1949-72). Offizieller protestantischer Beobachter beim Zweiten Vatikanum (1962-65). Cullmanns Theologie ist heilsgeschichtlich: Christus ist die Mitte der Zeit (Christus und die Zeit, 1946). Gegen Bultmanns Entmythologisierung: die Auferstehung ist ein historisches und kosmisches Ereignis, keine existentielle Entscheidung.

Hauptwerke Cullmanns

Christus und die Zeit (1946): Heilsgeschichte als lineare Zeit mit Christus als Mitte.
Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten? (1956): kritische Unterscheidung zwischen griechischer Seelenunsterblichkeit und biblischer Leibesauferstehung.
Petrus: Jünger, Apostel, Märtyrer (1952): exegetische Studie zu Mt 16,18 und der Petrusfrage.

Pierre Gisel (*1947) — Systematiker der Religionskritik

Professor an der Université de Lausanne (FTSR, jetzt ISSR). Hauptthemen: die Frage nach Gott im Kontext der modernen Religionskritik (Feuerbach, Nietzsche, Freud), die Spannung zwischen Theologie und Religionswissenschaft, die Frage der Schöpfung. Repräsentiert die lebendige frankophone reformierte Theologie des 21. Jahrhunderts.

Denis Müller (*1953) — Ethiker der Universität Lausanne

Professor für Ethik an der Universität Lausanne. Bedeutung: Dialog zwischen protestantischer Theologie und moderner Ethik (Bioethik, Wirtschaftsethik, ökologische Ethik). Verbindet reformierte Theologie mit analytischer Philosophie und kontinentaler Hermeneutik.

Die Genfer und Lausanner Theologiefakultäten heute

Universität Genf — Fakultät für Theologie

1559 von Calvin gegründet als Académie — die älteste protestantische Theologiefakultät der Welt, Vorgängerin der Universität Genf (1873). Heutige Schwerpunkte: Ökumenismus, Religionsgeschichte, biblische Exegèse, Ethik. Bedeutende Zeitschriften: Revue de Théologie et de Philosophie (seit 1868, gemeinsam mit Lausanne und Neuchâtel).

Universität Lausanne — Institut für Sozialwissenschaften der Religionen (ISSR)

Früher Faculté de théologie et de sciences des religions (FTSR). Starke religionswissenschaftliche Ausrichtung neben der theologischen. Enge Verknüpfung mit der Kirche Reformiert Waadt (ERV). Schwerpunkte: Ethik (Müller), Religionssoziologie (Stolz), feministische Theologie.

Die Revue de Théologie et de Philosophie (RTP)

Gegründet 1868 in Lausanne. Vierteljährliche Publikation, einer der bedeutendsten frankophonen theologischen Journals. Publiziert theologische, philosophische und religionswissenschaftliche Beiträge in ökumenischer Breite. Indexiert in den Hauptdatenbanken der Theologie (ATLA).

InstitutionGründungTraditionSchwerpunkte
Fakultät Genf1559 (Calvin)ReformiertÖkumenik, Exegese, Ethik
ISSR Lausanne1537 (Bern)Reformiert + Religionswiss.Religionssoziologie, Ethik, feministische Theologie
Theologiefakultät Neuchâtel1873ReformiertHermeneutik, Kirchengeschichte
FLTE (Vaux-sur-Seine)1921 (Paris)Evangelikal-reformiertExegese, Dogmatik (Blocher, Van den Heuvel)

Sekundärliteratur über die romanische Theologie

  • Gisel, Pierre und Lucie Kaennel, Hrsg. Encyclopédie du protestantisme. 2. Aufl. Paris/Genf: PUF/Labor et Fides, 2006.
  • Manetsch, Scott M. Calvin's Company of Pastors. Oxford: Oxford UP, 2013.
  • Busch, Eberhard. Karl Barth. Lebenslauf. München: Kaiser, 1975. [Standardbiographie]
  • Cullmann, Oscar. Einheit durch Vielfalt. Tübingen: Mohr Siebeck, 1986.

Quiz — Romanische Theologen

Quelle est la structure en 4 livres de l'Institutio Christianae Religionis de Calvin (1559) ?

  • Création / Chute / Rédemption / Église
  • I. Dieu le Créateur / II. Dieu le Rédempteur en Christ / III. La grâce du Christ reçue par la foi / IV. Les moyens extérieurs de grâce (Église, sacrements)
  • Trinité / Christologie / Sotériologie / Eschatologie
  • Loi / Prophètes / Évangile / Épîtres