Konfessionen im Vergleich
Maria und die Heiligen
Mariologie, Fürbitte der Heiligen — die große Divergenz zwischen Protestantismus, Orthodoxie und Katholizismus
Keine Frage trennt die christlichen Traditionen so sichtbar wie die Stellung Marias und der Heiligen. Sie berührt zugleich die Christologie, die Ekklesiologie, die Gebetslehre und die Frage, was nach dem Tod von der Gemeinschaft der Gläubigen bleibt.
Die Mariendogmen
| Lehre | Definition | Katholisch | Orthodox | Protestantisch |
|---|---|---|---|---|
| Gottesgebärerin | Ephesus 431: Maria ist Θεοτόκος | Dogma | Dogma; zentraler Titel der Liturgie | Angenommen als christologische Aussage: Luther, Calvin und Zwingli bekräftigen sie |
| Immerwährende Jungfräulichkeit | Jungfrau vor, in und nach der Geburt; Konstantinopel II 553 | Dogma | Dogma; die „Brüder Jesu“ sind Halbbrüder oder Vettern | Von Luther, Zwingli und Calvin gehalten, heute mehrheitlich aufgegeben; die „Brüder Jesu“ als leibliche Brüder gelesen |
| Unbefleckte Empfängnis | Maria wurde ohne Erbsünde empfangen; Pius IX., 1854 | Dogma | Verworfen: setzt eine augustinische Erbsündenlehre voraus, die der Osten nicht teilt | Verworfen: ohne Schriftgrund und im Widerspruch zu Röm 3,23 |
| Aufnahme in den Himmel | Maria wurde mit Leib und Seele in die Herrlichkeit aufgenommen; Pius XII., 1950 | Dogma | Fest der Entschlafung (Κοίμησις) am 15. August, nicht als Dogma definiert | Verworfen: keine biblische Bezeugung |
Die Reformatoren und Maria
Die reformatorische Position ist differenzierter, als die spätere Polemik vermuten lässt. Luthers Magnificat-Auslegung von 1521 ist ein Meisterwerk marianischer Frömmigkeit; Zwingli predigte 1522 über die immerwährende Jungfräulichkeit; Calvin nennt Maria „die heilige Jungfrau“. Was die Reformatoren verwerfen, ist nicht Maria, sondern ihre Anrufung: Sie sehen darin eine Beeinträchtigung der einzigen Mittlerschaft Christi (1 Tim 2,5). Die „Mariologie“ als eigene theologische Disziplin entstand erst nach der Reformation.
Die Heiligen
Die Verehrung der Heiligen ist in der Martyrerverehrung des 2. Jahrhunderts verwurzelt: Das Martyrium des Polykarp (um 156) unterscheidet bereits die Anbetung Christi von der Verehrung der Märtyrer, deren Gebeine man sammelt. Die Unterscheidung von λατρεία, der Gott allein geschuldeten Anbetung, und δουλεία, der Verehrung der Heiligen, wurde von Augustinus formuliert und vom Zweiten Nizänum übernommen; für Maria kennt der Westen zusätzlich die ὑπερδουλεία.
| Frage | Katholisch | Orthodox | Protestantisch |
|---|---|---|---|
| Fürbitte der Heiligen | Die Heiligen treten bei Gott für uns ein; ihre Anrufung ist legitim und nützlich (Trient, 25. Sitzung, 1563). | Die Heiligen sind lebendige Glieder der Kirche; ihre Fürbitte ist Gemeinschaft, nicht Mittlerschaft. | Die Heiligen sind Vorbilder des Glaubens (CA XXI), aber ihre Anrufung ist ohne Schriftgrund und verdunkelt Christus als einzigen Mittler. |
| Kanonisation | Päpstliches Verfahren seit dem 12. Jahrhundert; Prüfung des heroischen Tugendgrades und zweier Wunder. | Verherrlichung durch eine Synode auf Grund der Verehrung durch das Kirchenvolk; kein zentrales Verfahren. | Keine Kanonisation; alle Getauften sind Heilige im biblischen Sinn (1 Kor 1,2). |
| Reliquien | Verehrung legitim; Altäre enthalten traditionell Reliquien. | Verehrung zentral; die Reliquien bezeugen die Verklärung des Leibes. | Verworfen; Calvins Traktat über die Reliquien (1543) verspottet ihre Vervielfältigung. |
| Bilder | Verehrung legitim (Nizäa II); große Vielfalt der Praxis. | Die Ikone ist theologisch notwendig: Sie bezeugt die Inkarnation. | Reformiert: verworfen (zweites Gebot); lutherisch: geduldet als Lehrmittel, nicht verehrt. |
Theologische Einschätzung
Die Auseinandersetzung lässt sich auf drei Fragen zurückführen. Erstens: Bedroht die Anrufung der Heiligen die einzige Mittlerschaft Christi? Die katholische und die orthodoxe Antwort unterscheiden die Mittlerschaft der Erlösung, die allein Christus zukommt, von der Fürbitte, die jedem Gläubigen zukommt und über den Tod hinausreicht; die protestantische Antwort hält die Unterscheidung für in der Praxis unhaltbar. Zweitens: Wie verhält sich die Gemeinschaft der Heiligen des Apostolikums zum Gebet? Alle Traditionen bekennen sie, aber nur zwei ziehen daraus die Möglichkeit, sich an die Verstorbenen zu wenden. Drittens: Was ist der Status von Lehren ohne ausdrücklichen Schriftgrund? Hier trennt sich das Schriftprinzip von der Tradition als Offenbarungsquelle.
Ökumenische Annäherungen
Der Dialog der Groupe des Dombes, Marie dans le dessein de Dieu et la communion des saints (1997-1998), und das anglikanisch-katholische Dokument Mary: Grace and Hope in Christ (ARCIC, 2005) haben gezeigt, dass die beiden neueren Dogmen ökumenisch das Haupthindernis bleiben, während Theotokos und Magnificat gemeinsamer Besitz sind. Die Groupe des Dombes schlug vor, dass Rom die Dogmen von 1854 und 1950 nicht als Bedingung der Gemeinschaft fordert — ein Vorschlag ohne lehramtliche Antwort.
Bibliographie
- Norelli, Enrico. Marie des apocryphes. Genf: Labor et Fides, 2009.
- Luther, Martin. Das Magnificat, verdeutscht und ausgelegt (1521). WA 7, 544-604.
- Groupe des Dombes. Maria in Gottes Heilsplan und in der Gemeinschaft der Heiligen. Frankfurt: Lembeck, 1999.
- ARCIC II. Mary: Grace and Hope in Christ. London: Continuum, 2005.
- Beinert, Wolfgang und Heinrich Petri, Hg. Handbuch der Marienkunde. 2 Bde. Regensburg: Pustet, 1996-1997.
Quiz — Maria und die Heiligen
Welchen marianischen Titel nehmen die Reformatoren ausdrücklich an?
- Die Unbefleckte Empfängnis
- Θεοτόκος, Gottesgebärerin, als christologische Aussage von Ephesus 431
- Die Aufnahme in den Himmel
- Die Mittlerin aller Gnaden