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Konfessionen — Modul 4

Radikales Christentum

Anabaptisten, Mennoniten, Hutterische Brüder — die «linke Flanke» der Reformation.

Die Täuferbewegung — auch «radikale Reformation» (George H. Williams, 1962) oder «linke Flanke der Reformation» genannt — entstand 1525 in Zürich als unmittelbare Reaktion auf Zwinglis Reformwerk. Ihre Anhänger wollten weiter gehen, als Zwingli es zuließ.

Entstehung der Täuferbewegung (1525)

Die Nacht des 21. Januar 1525 in Zürich

In der Nacht vom 21. Januar 1525 versammelten sich Conrad Grebel (1498–1526), Felix Manz (1498–1527) und Georg Blaurock (1492–1529) in Zürich mit einer kleinen Gruppe. Blaurock bat Grebel, ihn zu taufen — als Erwachsener, als Bekenner, auf seinen eigenen Glauben hin. Dieser Akt ist der Gründungsmoment des Täufertums: die erste Erwachsenentaufe in der Neuzeit, direkte Herausforderung sowohl der Kirche als auch der Obrigkeit.

Konsequenzen: Manz wird hingerichtet (1527)

Felix Manz wurde auf Befehl von Zürichs Stadtrat — und damit indirekt Zwinglis — am 5. Januar 1527 im Limmat ertränkt. Die grausame Ironie: die Obrigkeit, die die Täufer wegen Wiederholung der Taufe verurteilte, ließ sie durch Wasser hinrichten. Manz ist der erste protestantische Märtyrer, der von Protestanten hingerichtet wurde. Thomas Müntzer, der Anführer des sozial-revolutionären Flügels der radikalen Reformation, wurde nach der Niederlage der Bauern bei Frankenhausen (1525) enthauptet.

FigurLebensdatenBeitragSchicksal
Conrad Grebel1498–1526Mitbegründer in Zürich; erste TäufePest †1526
Felix Manz1498–1527Mitbegründer; NT-Übersetzung aus GriechischErtränkt von Zürich, 5.1.1527 — erster Märtyrer
Georg Blaurock1492–1529Erster Getaufter; Missionar in TirolVerbrannt in Clausen (Tirol)
Michael Sattlerca. 1490–1527Verfasser der Schleitheimer Artikel (1527)Verbrannt in Rottenburg/Neckar
Menno Simons1496–1561Organisator der niederl. Täufer; MennonitenNatürlicher Tod; Hauptorganisator der Bewegung
Thomas Münzer1489–1525Revolutionärer Flügel; Bauernkrieg; apokalyptische TheologieEnthauptet nach Frankenhausen, 27.5.1525

Das Schleitheimer Bekenntnis (1527) — Sieben Artikel

Das erste täuferische Bekenntnisdokument wurde 1527 in Schleitheim (Schaffhausen) von Michael Sattler verfasst — wenige Monate vor seiner Hinrichtung. Es definiert die Täuferbewegung in sieben Artikeln gegen beide reformatorischen Lager (lutherisch und zwinglianisch):

ArtikelInhalt
1. TaufeTaufe nur für Glaubende, die zuvor Reue und neues Leben bekennen — Verwerfung der Kindertaufe als «stärkste und erste Gräuel des Papstes»
2. BannKirchliche Ausschließung für Gefallene — vor dem Abendmahl anzuwenden
3. BrotbrechenGedächtnismahl für Glieder der Gemeinde — radikaler Zwinglianer Memorialismus
4. AbsonderungVollständige Trennung von der «Welt» und ihrer Gottlosigkeit (2 Kor 6,17)
5. HirtenGemeindegewählte Hirten — nicht staatlich eingesetzt; können aus Gemeindemitteln leben
6. Das SchwertAblehnung jeder Gewaltanwendung (πάντα τρόπω) — kein Kriegsdienst, kein Richteramt, das Todesurteile fällt
7. Der EidAblehnung jedes Eides nach Mt 5,34-37 («euer Ja sei Ja»)

Die täuferische Theologie ist keine systematische Summe — sie ist eine gelebte, gemeinschaftliche und oft martyrologische Theologie. Ihre Hauptthemen: Jüngerschaft, Gemeinschaft, Separation, Pazifismus und Eschatologie.

Grundthemen der täuferischen Theologie

Lutherisch/Reformiert vs. Täufer

Schrift: Luther/Calvin: Sola Scriptura — die Tradition hat sekundären Wert. Täufer: nuda scriptura — radikale Ablehnung jeder kirchlichen Tradition und staatlichen Bindung.

Kirche: Luther/Calvin: Volkskirche mit sichtbarer und unsichtbarer Dimension. Täufer: freiwillige Gemeinschaft der Getauften — kleine, heilige, separierte Gemeinschaft.

Staat: Luther: zwei-Reiche-Lehre (Kooperation). Calvin: christliche Obrigkeit (Kooperation). Täufer: radikale Trennung — der Christ nimmt kein staatliches Amt an.

🕊 Täuferische Kernthemen

Jüngerschaft (Nachfolge): Das Christentum ist kein intellektueller Glaube, sondern konkrete Nachfolge Christi — auch im Leiden. Martyrium als Taufzeichen.

Gemeinschaft: Die Gemeinde ist das Leib Christi in wörtlichem gemeinschaftlichem Sinn — Gütergemeinschaft bei Huttererbrüdern.

Wehrlosigkeit (Gelassenheit): Totale Gewaltfreiheit auf der Grundlage der Bergpredigt (Mt 5-7). Kein Kriegsdienst, keine staatliche Gewalt.

Eschatologie: Das Täufertum lebt aus der eschatologischen Erwartung — die Gemeinde ist das endzeitliche Volk Gottes in einer feindlichen Welt.

Taufe als Bekenntnisakt

Die täuferische Tauftheologie ist das Herz ihrer Ekklesiologie. Taufe ist kein Einweihungsritus für Neugeborene (Sakrament), sondern ein öffentliches Bekenntnis des Glaubens, eine Verpflichtung auf die Gemeinde und einen Lebenswandel der Nachfolge. Dieser «Bundesschluss» (covenant) zwischen dem Gläubigen und der Gemeinde ist doppelseitig: die Gemeinde übernimmt Verantwortung für den Täufling (Jüngerschaft, Zucht, Unterstützung).

Das täuferische Erbe lebt in mehreren weltweiten Konfessionen fort, von denen die Mennoniten die bedeutendsten sind. Insgesamt ca. 2,1 Millionen Mitglieder, stark konzentriert in Nordamerika, Südamerika, Afrika und Asien.

Die täuferischen Konfessionen heute

KonfessionGründer/DatumMitgliederCharakteristika
MennonitenMenno Simons, 1530erca. 2,1 Mio. weltweitBreites Spektrum — von liberal (Niederlande, Deutschland) bis konservativ (Kanada, Paraguay). MCC (Mennonite Central Committee): bedeutendste humanitäre Hilfsorganisation täuferischen Ursprungs.
HuttererJakob Hutter, 1529ca. 50 000Vollständige Gütergemeinschaft (Bruderhöfe). Anabaptistische Reinform. Nordamerika (USA/Kanada) und Australien.
AmishJakob Ammann, 1693ca. 350 000Abspaltung der Mennoniten. Radikale Technologieverweigerung. Pennsylvania Dutch. Strenge Meidung (Meidung).
Brethren (Church of the Brethren)Alexander Mack, 1708ca. 110 000Täuferische + pietistische Tradition. Nordamerika. Historische Friedenskirche.
BaptistenSmyth/Williams, 1609ca. 100 Mio.Nur im Baptismus verwandt mit dem Täufertum — aber mit eigenem konfessionellen Weg. Mehrheit nicht pazifistisch.

Das täuferische Erbe — Bleibende Anfragen

Der täuferische Beitrag zur christlichen Theologie

Obwohl die täuferischen Kirchen zahlenmäßig klein sind, haben ihre Kernüberzeugungen die gesamte protestantische Welt beeinflusst: das Prinzip der Glaubenstaufe ist heute in vielen Wachstumskontexten (Afrika, Asien, Lateinamerika) dominant; die Trennung von Kirche und Staat ist in den USA konstitutionell (1. Amendment); der christliche Pazifismus bleibt eine ernste theologische Herausforderung an alle Traditionen; die Vision der freiwilligen Gemeinschaft hat das moderne Konzept des «believers church» geprägt.

Yoder und die täuferische Ethik

John Howard Yoder (1927–1997), mennonitischer Theologe, hat in The Politics of Jesus (1972) eine einflussreiche Arbeit vorgelegt: Er argumentiert, dass die Bergpredigt eine direkte politische Ethik darstellt — nicht nur eine spirituelle Regel. Jesu Weigerung, Gewalt anzuwenden (Gethsemane, Kreuz) ist politisch und normativ für die Kirche. Dieses Werk hat das ökumenische Gespräch über christliche Sozialethik erheblich beeinflusst, weit über den Täufertum hinaus.

«Die Frage ist nicht, ob der Zeuge Jesu eine politische Wirkung haben wird, sondern ob die politische Wirkung, die er hat, diejenige sein wird, die seiner Treue zu seinem Herrn entspricht.»
Yoder, The Politics of Jesus (1972), 243

Primärquellen

  • Schleitheimer Bekenntnis (1527). In Loewen, H.J., Hrsg. One Lord, One Church, One Hope. Elkhart: IMS, 1985.
  • Simons, Menno. Opera Omnia. Elkhart: Mennonite Publishing Company, 1871. (Repr. Scottdale: Herald Press, 1956.)

Sekundärliteratur

  • Williams, George H. The Radical Reformation. 3. Aufl. Kirksville: Sixteenth Century Journal Publishers, 1992.
  • Yoder, John Howard. The Politics of Jesus. Grand Rapids: Eerdmans, 1972.
  • Stayer, James M. Anabaptists and the Sword. Lawrence: Coronado Press, 1972.
  • Snyder, C. Arnold. Anabaptist History and Theology. Kitchener: Pandora Press, 1995.

Quiz — Radikales Christentum

Qui est Felix Manz et quelle est son importance historique ?

  • Un pasteur luthérien martyr sous Charles Quint
  • Co-fondateur du mouvement anabaptiste à Zurich (1525), premier martyr protestant exécuté par des protestants — noyé dans la Limmat sur ordre du conseil de Zurich, 5 janvier 1527
  • L'auteur de la Confession de Schleitheim
  • Le fondateur des Mennonites aux Pays-Bas