Exegese des Neuen Testaments
Die Paulusbriefe — Überblick
Paulinisches Corpus, theologische Kategorien, Neue Paulusperspektive, Grundtexte
Dreizehn Briefe tragen den Namen des Paulus; sieben sind unbestritten, drei umstritten, drei — die Pastoralbriefe — von der Mehrheit als nachpaulinisch beurteilt. Dieser Überblick ordnet den Korpus; jeder Brief hat sein eigenes Modul.
Der Korpus
| Brief | Datierung | Ort | Echtheit | Hauptthema |
|---|---|---|---|---|
| 1. Thessalonicher | ca. 50 | Korinth | Unbestritten | Parusie; das Los der Verstorbenen |
| Galater | ca. 48-55 | Antiochien oder Ephesus | Unbestritten | Rechtfertigung ohne Werke des Gesetzes |
| 1. Korinther | ca. 54-55 | Ephesus | Unbestritten | Spaltungen, Herrenmahl, Charismen, Auferstehung |
| 2. Korinther | ca. 55-56 | Makedonien | Unbestritten; Einheit umstritten | Apostolat in der Schwachheit; Versöhnung |
| Römer | ca. 57 | Korinth | Unbestritten | Gerechtigkeit Gottes; Israel |
| Philipper | ca. 55 oder 60-62 | Ephesus oder Rom | Unbestritten | Freude; Christushymnus |
| Philemon | ca. 55 oder 60-62 | Gefangenschaft | Unbestritten | Onesimus; Sklaverei |
| Kolosser | ca. 60-80 | — | Umstritten | Kosmischer Hymnus; die „Philosophie“ |
| 2. Thessalonicher | ca. 50 oder 80-100 | — | Umstritten | Der Mensch der Gesetzlosigkeit |
| Epheser | ca. 80-90 | — | Mehrheitlich nachpaulinisch | Kosmische Ekklesiologie; Rundbrief |
| 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus | ca. 90-110 | — | Mehrheitlich nachpaulinisch | Kirchenordnung; das anvertraute Gut |
Die Kriterien der Echtheit
Die Kritik stützt sich auf vier Kriterien: den Wortschatz — die Pastoralbriefe verwenden über ein Drittel Wörter, die in den anderen Briefen fehlen; den Stil — die langen Perioden des Epheserbriefs gegenüber der nervösen Diktion des Galaterbriefs; die Theologie — die realisierte Eschatologie des Kolosser- und Epheserbriefs gegenüber der Naherwartung des 1. Thessalonicherbriefs; und die Kirchenordnung — Bischöfe und Diakone mit Anforderungsprofil in den Pastoralbriefen. Kein Kriterium ist für sich entscheidend; ihre Konvergenz begründet die Mehrheitsposition, die von einer Minderheit mit dem Hinweis auf Sekretäre und wechselnde Situationen bestritten wird.
Die Theologie des Paulus
| Thema | Kernaussage | Schlüsseltexte | Forschungsdebatte |
|---|---|---|---|
| Rechtfertigung | Der Mensch wird aus Glauben gerecht, nicht aus Werken des Gesetzes | Röm 3,21-26; Gal 2,16 | Die Neue Perspektive (Sanders 1977, Dunn 1983) liest die „Werke des Gesetzes“ als jüdische Identitätsmarker, nicht als Verdienstmoral |
| In Christus | Die Teilhabe am Sterben und Auferstehen Christi | Röm 6; Gal 2,20; 2 Kor 5,17 | Schweitzer 1930: die Mystik als Mitte; Campbell 2009: apokalyptische Lesart |
| Israel | Die Verheißungen sind unwiderruflich; ganz Israel wird gerettet | Röm 9-11 | Ekklesiale oder ethnische Lesart von Röm 11,26 |
| Gesetz | Heilig, aber ohne Heilskraft; Christus ist des Gesetzes Ende | Röm 7; 10,4 | Ende als Ziel oder als Aufhebung (τέλος) |
| Eschatologie | Das Schon und Noch-nicht; Auferstehung des Leibes | 1 Thess 4; 1 Kor 15 | Cullmann 1946: die Mitte der Zeit |
Die Neue Perspektive
E. P. Sanders zeigte 1977, dass das Judentum des Zweiten Tempels keine Verdienstreligion war, sondern ein „Bundesnomismus“: Man kommt durch Gnade in den Bund und bleibt durch Gehorsam darin. Damit fiel das Bild eines Paulus, der gegen jüdische Werkgerechtigkeit kämpft. James Dunn und N. T. Wright zogen die Folgerungen: Paulus streitet gegen die Beschränkung des Heils auf die Grenzen Israels, nicht gegen menschliche Leistung. Die lutherische Lesart antwortete mit Westerholm (2004); Barclay (2015) hat die Debatte durch eine Analyse des antiken Gabebegriffs neu gefasst. Die Westschweizer Forschung hat den Dialog in Paul, une théologie en construction (2004) aufgenommen.
Westschweizer Arbeiten
- Dettwiler, Andreas, Jean-Daniel Kaestli und Daniel Marguerat, Hg. Paul, une théologie en construction. Genf: Labor et Fides, 2004.
- Marguerat, Daniel. Paul de Tarse. Poliez-le-Grand: Éditions du Moulin, 1999.
- Cullmann, Oscar. Christus und die Zeit. Zürich: EVZ, 1946.
Weitere Arbeiten
- Sanders, E. P. Paulus und das palästinische Judentum. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1985.
- Schnelle, Udo. Paulus. Leben und Denken. 2. Aufl. Berlin: De Gruyter, 2014.
- Wolter, Michael. Paulus. Ein Grundriss seiner Theologie. Neukirchen: Neukirchener, 2011.
- Barclay, John M. G. Paul and the Gift. Grand Rapids: Eerdmans, 2015.
Quiz — Die Paulusbriefe
Wie viele Paulusbriefe gelten als unbestritten echt?
- Alle dreizehn
- Sieben: Römer, 1. und 2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher, Philemon
- Vier
- Zehn