Kirchengeschichte
Schismen und Spaltungen
Großes Schisma von 1054, protestantische Reformation, innere Spaltungen — die Brüche, die das Christentum geprägt haben
Das Christentum ist keine monolithische Religion — es ist das Ergebnis mehrerer großer Brüche, die eigenständige Traditionen hervorgebracht haben. Diese Schismen haben zugleich theologische, ekklesiologische und politische Wurzeln.
Das Große Schisma von 1054 — Ost und West
Die tieferen Ursachen
| Ursache | Beschreibung | Position des Ostens | Position des Westens |
|---|---|---|---|
| Das Filioque | Der Westen fügte dem Credo von Nizäa-Konstantinopel (381) „und vom Sohn“ (Filioque) hinzu: Der Geist geht vom Vater und vom Sohn aus. Ein einseitiger Zusatz ohne ökumenisches Konzil. | Der Geist geht vom Vater allein aus (Joh 15,26). Jeder Zusatz zum Credo ohne Konzil ist unrechtmäßig. | Legitime Lehrentwicklung — bekräftigt die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater im Hervorgang des Geistes. |
| Päpstlicher Primat | Rom beansprucht universale Jurisdiktion über die ganze Kirche; Konstantinopel erkennt nur einen Ehrenprimat an. | Konziliarität — die fünf alten Patriarchate (Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, Jerusalem) haben kollegiale Autorität. | Petrus ist das Fundament der Kirche — seine römischen Nachfolger haben Jurisdiktion über die Universalkirche. |
| Territorialstreit | Bulgarien und der Balkan — Rom und Konstantinopel streiten um die kirchliche Jurisdiktion. | — | — |
| Liturgische Unterschiede | Samstagsfasten (Rom) gegen kein Fasten (Osten); Zölibat des römischen Klerus; ungesäuertes gegen gesäuertes Brot in der Eucharistie. | Gesäuertes Brot — Symbol der Auferstehung; verheirateter Klerus ist die apostolische Norm. | Legitim verschiedene Praktiken; aber der römische Primat ist universal. |
Das Datum des Schismas: 16. Juli 1054
Der päpstliche Legat Humbert von Silva Candida legt eine Exkommunikationsbulle gegen den Patriarchen Michael Kerullarios auf den Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel. Kerullarios antwortet mit der Exkommunikation der römischen Legaten. Dieser dramatische Bruch kristallisiert über Jahrhunderte angesammelte Spannungen. Die Exkommunikationen wurden 1964 von Paul VI. und Athenagoras I. symbolisch aufgehoben — das ekklesiologische Schisma aber bleibt.
Die Kreuzzüge als Trauma — 1204
Das eigentliche Trauma für die Orthodoxie ist nicht 1054, sondern 1204: die Plünderung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug (lateinische Kreuzfahrer). Die Hagia Sophia wird entweiht, Reliquien werden geraubt, ein lateinischer Patriarch wird eingesetzt. Dieses Verbrechen katholischer Kreuzfahrer an orthodoxen Christen bleibt die tiefste Wunde im kollektiven Gedächtnis der Orthodoxie.
Die protestantische Reformation (1517–) — das andere große westliche Schisma
Strukturelle und unmittelbare Ursachen
Die Reformation kam nicht aus dem Nichts. Sie baute auf mehreren Jahrhunderten von Spannungen auf: die Vorreformatoren (Wyclif in England, Hus in Böhmen), der biblische Humanismus (Erasmus), die Korruption der römischen Kurie (Tetzels Ablasshandel, ein verweltlichtes Papsttum), das Erstarken fürstlicher Nationalinteressen gegen die universale Autorität Roms und die Erfindung des Buchdrucks (Gutenberg, um 1450), die die rasche Verbreitung von Ideen ermöglichte.
| Bewegung | Hauptbruch | Versuchte Lösung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Luthertum (1517) | Rechtfertigung, Autorität der Konzilien, Ablass | Reichstag zu Augsburg (1530), Religionsgespräch zu Regensburg (1541) | Scheitern — Augsburger Religionsfrieden (1555): cuius regio, eius religio |
| Calvinismus / Reformierte (1520er) | Eucharistie, Kirchenleitung, Prädestination | Religionsgespräch von Poissy (1561, Frankreich) | Scheitern — Religionskriege |
| Anglikanismus (1534) | Politisch (Heinrich VIII.), dann theologisch unter Cranmer und Elisabeth | Via media — weder Rom noch Genf | Vollzogener Bruch; Kirche von England |
| Trient (1545-63) | Katholische Antwort: dogmatische Definition gegen die reformatorischen Positionen | — | Bestätigung des Schismas; gegenseitige Anatheme |
Schismen innerhalb des Protestantismus
Der Bruch von Marburg (1529) — Luther gegen Zwingli
Das Marburger Religionsgespräch (1529) wurde von Landgraf Philipp von Hessen einberufen, um die reformatorischen Strömungen zu einen. Luther und Zwingli einigten sich auf 14 der 15 Marburger Artikel — trennten sich aber unwiderruflich am 15. Artikel: der Gegenwart Christi in der Eucharistie. Luther: reale leibliche Gegenwart („in, cum et sub“). Zwingli: symbolisch-gedächtnishafte Gegenwart. Dieser Bruch teilte den Protestantismus in zwei Familien, die sich nie vollständig versöhnt haben.
Die Synode von Dordrecht (1618-19) — Calvinisten gegen Arminianer
Die erste große innere Spaltung des Calvinismus. Die arminianischen Remonstranzen (1610) — fünf Artikel, die die absolute Prädestination bestreiten — lösten eine Krise in der niederländischen reformierten Kirche aus. Die (internationale) Synode von Dordrecht entschied zugunsten des strengen Calvinismus (TULIP) und verurteilte den Arminianismus. Die arminianischen Pfarrer wurden verbannt. Diese Spaltung durchzieht die gesamte weitere protestantische Geschichte.
Die pietistische Revolution und die Erweckungen (18.–19. Jh.)
Die evangelikalen Erweckungen (Wesley in England, Edwards in Amerika, Zinzendorf in Deutschland) brachten eine neue Welle von Spaltungen hervor: den Methodismus (Trennung vom Anglikanismus), den Pietismus (Spannung zum orthodoxen Luthertum), dann im 19. Jahrhundert eine Vielzahl baptistischer, adventistischer und schließlich pfingstlicher Denominationen (Azusa Street, 1906).
Bibliographie
- Runciman, Steven. The Eastern Schism. Oxford: Clarendon, 1955.
- Dvornik, Francis. The Photian Schism. Cambridge: Cambridge University Press, 1948.
- Nichols, Aidan. Rome and the Eastern Churches. 2. Aufl. San Francisco: Ignatius, 2010.
- MacCulloch, Diarmaid. Die Reformation 1490-1700. München: DVA, 2008.
- Oberman, Heiko A. Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel. Berlin: Severin und Siedler, 1982.
Quiz — Schismen und Spaltungen
Welches Ereignis stellt das tiefste Trauma im orthodoxen Gedächtnis dar?
- Les excommunications réciproques de 1054
- Die Plünderung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug 1204
- Das Konzil von Florenz 1439
- Der Fall Konstantinopels 1453