Zum Hauptinhalt springen Zum Hauptinhalt springen

Geschichte — Modul 1

Ursprünge des Christentums

Von Jesus von Nazareth bis zum NT-Kanon — die ersten drei Jahrhunderte aus historischer und theologischer Perspektive.

Das Christentum entstand im Judentum des Zweiten Tempels im 1. Jahrhundert in der römischen Provinz Judäa. Die historische Forschung über Jesus von Nazareth — die «Suche nach dem historischen Jesus» — ist ein zentrales Thema der NT-Wissenschaft seit dem 18. Jahrhundert.

Die drei Suchen nach dem historischen Jesus

EpocheZeitraumHauptmerkmaleSchlüsselfiguren
1. Suche1778–1906Aufklärungsgeschichte: rationale Rekonstruktion des «wahren» Jesus unter dem Dogma. Optimismus über historische Rekonstruierbarkeit.Reimarus, Strauss, Renan, Harnack
Keine Suche1906–1953Schweitzers Zusammenbruch der 1. Suche. Formgeschichte (Bultmann): der historische Jesus ist unzugänglich; nur der verkündigte Christus zählt.Schweitzer, Bultmann, Dibelius
2. Suche1953–1980Käsemanns Bruch mit Bultmann: Kontinuität zwischen historischem Jesus und dem gepredigten Christus ist theologisch notwendig.Käsemann, Bornkamm, Conzelmann
3. Suche1980–heuteJesus rigoros im jüdischen Kontext der Zweiten-Tempel-Zeit verankert. Multidisziplinär: Archäologie, rabbinische Quellen, Qumrân, Sozialgeschichte.Sanders, Wright, Meier, Bauckham, Dunn

Die Dritte Suche — Jesus als jüdischer Prophet

Die «Dritte Suche» (Third Quest, seit den 1980er Jahren) verankert Jesus konsequent in seinem jüdischen Milieu: apokalyptische Prophetie, Basileia-Theologie (Königreich Gottes), jüdische Praxis (Tora, Sabbat, Tempel). Sanders' Werk Jesus and Judaism (1985) und Wrights fünfbändige Christian Origins (1992–) sind Hauptpfeiler dieser Forschung.

Protestantisch

Die historisch-kritische Exegese entstand im protestantischen Aufklärungsdenken (Reimarus, Lessing). Das protestantische Bekenntnis bejaht die Historizität der Evangelien und die Kontinuität zwischen historischem Jesus und bezeugtem Christus. N.T. Wright repräsentiert eine konservativ-evangelikale Aneignung der Dritten Suche.

Orthodoxe

Die orthodoxe Tradition liest die Evangelien primär im liturgischen und patristischen Kontext (Chrysostomus, Kyrill). Historische Kritik wird vorsichtig aufgenommen; die patristische Exegese bleibt privilegiertes Interpretationsmilieu.

Katholisch

Die PBK-Instruktion (1964) und Dei Verbum §19 (Vaticanum II) erkennen historisch-kritische Methoden an. Die Päpstliche Bibelkommission hat bedeutende Dokumente über historische Methoden veröffentlicht (1993, 2001).

Das Testimonium Flavianum

Das bedeutendste nicht-christliche Zeugnis über Jesus findet sich in Josephus' Antiquitates Judaicae (20 Bde., ca. 93 n.Chr.): das sogenannte Testimonium Flavianum (AJ 18,63-64). Es wurde von christlichen Kopisten interpoliert, enthält aber wahrscheinlich eine authentische Erwähnung. Tacitus (Annalen 15,44, ca. 116 n.Chr.) erwähnt die Hinrichtung Christi unter Pontius Pilatus — die wichtigste heidnische Quelle.

Die Entstehung des Christentums aus dem Judentum ist kein einfacher Bruch, sondern ein komplexer Differenzierungsprozess, der sich über mehrere Generationen erstreckt. Paulus von Tarsus ist chronologisch der erste Zeuge des Urchristentums.

Paulus — Der erste Zeuge (ca. 50-60 n.Chr.)

Paulus' Briefe (1 Thess. ca. 50; 1 Kor. ca. 54-55) gehen den synoptischen Evangelien chronologisch voraus. Paulus schreibt innerhalb von 20 Jahren nach dem Tod Jesu und kennt Augenzeugen (Gal 1,18-19: Petrus und Jakobus). Seine Hauptthemen: Rechtfertigung durch den Glauben (Gal 2,16 ; Röm 3,28), die Leib-Christi-Ekklesiologie (1 Kor 12), der Universalismus (Gal 3,28) und die apostolische Überlieferung der Auferstehung (1 Kor 15,3-7).

Das frühchristliche Credo (1 Kor 15,3-7)

«Denn als erstes habe ich euch überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist gemäß den Schriften, dass er begraben wurde, dass er auferweckt wurde am dritten Tage gemäß den Schriften, und dass er dem Kephas erschienen ist, sodann den Zwölfen.»
1 Kor 15,3-5 — ältestes erhaltenes christliches Credo (ca. 33-35 n.Chr., von Paulus ca. 54 n.Chr. zitiert)

Dieses Credo enthält die Kernaussagen des Evangeliums: Substitutionssühne («für unsere Sünden»), leibliche Auferstehung («am dritten Tage») und apostolische Bezeugung (Erscheinungen vor Petrus, den Zwölfen, dann 500 Brüdern). Es wurde wahrscheinlich in den Jahren unmittelbar nach dem Tod Christi (ca. 33-35 n.Chr.) formuliert — extrem früh für eine Legende.

Die Entwicklung vom Urchristentum zur Großkirche

PeriodeHauptentwicklungenSchlüsseldokumente
ca. 30-70Apostolisches Zeitalter — Paulus, Petrus, Jakobus. Jerusalem als Zentrum. Erster Judenkrieg (66-70) und Zerstörung des Tempels — Trauma und Scheidepunkt.Paulusbriefe (50-60), Früheste Evangelienquellen
ca. 70-100Sub-apostolisches Zeitalter — Abfassung der Evangelien (Mk ca. 70, Mt/Lk ca. 80-90, Joh ca. 90-100). Entstehung christlicher Gemeinden in der Diaspora.Evangelien, Apokalypse (Joh, ca. 95-96)
ca. 100-180Apostolische Väter — erste Kirchenväter (Klemens, Ignatius, Polykarp). Entstehung des monarchischen Episkopats. Erste theologische Auseinandersetzungen (Gnosis, Doketismus).Didache, Briefe des Ignatius, Brief des Polykarp
ca. 180-313Apologeten und erste Theologen — Irenäus gegen Gnosis (Adversus haereses), Tertullian (Nordafrika), Origenes (Alexandria). Systematische Theologie entsteht. Verfolgungen.Irenäus, AH; Tertullian, De praescriptione; Origenes, De principiis

Die Frage des NT-Kanons ist für die protestantische Ekklesiologie fundamental: Hat die Kirche den Kanon konstituiert oder erkannt? Die Antwort bestimmt das Verhältnis zwischen Schrift und Kirche.

Die Entstehung des NT-Kanons

Die Kriterien der Kanonizität

Apostolizität

Direkte oder indirekte Verbindung mit einem Apostel. Markus ist Petrus-Schüler, Lukas Paulus-Mitarbeiter. Dies erklärt, warum nicht-apostolische Schriften (Didache, Klemens) ausgeschlossen wurden, obwohl sie hoch geschätzt wurden.

Orthodoxie

Konformität mit der «Glaubensregel» (regula fidei), der überlieferten apostolischen Lehre. Das entscheidende Argument gegen gnostische Evangelien (Thomas, Philip, Maria): nicht ihre Entstehungszeit, sondern ihre doketistische Christologie.

Katholizität

Verwendung durch die Kirchen in ihrer geografischen Breite — die Oikumene. Schriften, die nur in einer Region bekannt waren, wurden skeptischer betrachtet.

Die Schlüsseldokumente

DokumentJahrBedeutung
Muratorisches Fragmentca. 170-200Älteste erhaltene Kanonliste (römische Herkunft). Nennt 22 Bücher. Zeigt, dass ca. 200 ein breiter Konsens über die Kernbücher bestand.
Origenes (†254)ca. 230-250Unterscheidet zwischen homologoumena (allgemein anerkannt) und antilegomena (bestrittene Bücher). Hebr, Jak, 2 Petr, 2-3 Joh, Jud zweifelhaft.
Eusebius von Caesarea, Historia Ecclesiaeca. 313Klassifiziert Bücher: anerkannt, bestritten (antilegomena), abgelehnt. Noch keine finale Liste.
Athanasius, Osterfestbrief 39367Erste vollständige Liste der 27 NT-Bücher — identisch mit dem heutigen Kanon. Definiert diese als allein normativ.
Synode von Karthago397Bestätigt den Athanasius-Kanon. Kirchliche Rezeption des Prozesses.

Protestantische Position: Die Kirche «erkennt» den Kanon, sie «konstituiert» ihn nicht

Das klassische reformierte Argument (R.C. Sproul): Die Schrift trägt ihre eigene Autorität in sich (autopistia). Die Kirche hat den Kanon erkannt, nicht geschaffen. Dies ist der analoge Akt des Erken­nens der Wahrheit, kein autoritativer Akt der Festsetzung. Einwand: Wenn die Schrift allein Autorität hat, wer entscheidet dann, welche Bücher dazugehören? Antwort: Der Heilige Geist bezeugt die Kanonizität durch und in der Kirche.

Primärquellen

  • Josephus. Antiquitates Judaicae XVIII,63-64 (Testimonium Flavianum). LCL 433.
  • Eusebius. Historia Ecclesiastica. SC 31, 41, 55, 73. GCS 9.
  • Athanasius. Epistula festalis XXXIX (367). PG 26.

Sekundärliteratur

  • Sanders, E.P. Jesus und das Judentum. Stuttgart: Kohlhammer, 1993.
  • Wright, N.T. Jesus and the Victory of God. Christian Origins 2. Minneapolis: Fortress, 1996.
  • Meier, John P. A Marginal Jew: Rethinking the Historical Jesus. 5 Bde. New York: Doubleday, 1991–2016.
  • Metzger, Bruce M. Der Kanon des Neuen Testaments. Düsseldorf: Patmos, 1993.

Quiz — Ursprünge des Christentums

Quel est le document chrétien le plus ancien conservé dans le NT ?

  • L'Évangile de Marc
  • L'Évangile de Jean
  • La Première Épître aux Thessaloniciens de Paul (ca. 50 ap. J.-C.)
  • La Première Épître de Pierre

Réf. : 1 Th 4,13-18 ; chronologie paulinienne